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Presseartikel Neujahrskonzert 06.01.2026

Neujahrskonzert Mannheim: Wagner, Strauss und Humperdinck begeistern

Was für eine Geste am Ende dieses Abends: Axel Kober, das frisch gekürte Ehrenmitglied des Wagnerverbandes, holt plötzlich noch Hänsel und Gretel auf die Opal-Bühne, es erklingt das Finale von Humperdincks Evergreen mit dem Knusperwalzer. Wuchtig, befreit und fröhlich lässt Kober das B-Dur über die Bühne tanzen, und beim zweiten „Juchhei“ schießt Astrid Kessler sogar euphorisierend zum hohen c‘‘‘ empor. Die Hexe ist tot. Endorphine strömen. Tränen fließen. Alles scheint möglich – und natürlich auch, dass all die Kuchenkinder in Form des NTM-Kinder- und Jugendchors von Kobers Frau Anke auftreten und ihr „Erlöst, befreit, für alle Zeit!“ und „Die Hexerei ist nun vorbei“ schmettern.

Zweifellos: Dies ist ein etwas anderes Neujahrskonzert in der voll besetzten Opal (Oper am Luisenpark). Statt Suppé und Strauß wie in Wien gibt es in Mannheim (den Münchner) Strauss und Wagner, es erklingen Siegmunds „Winterstürme“ statt der Fledermaus-Quadrille, und das alles auch noch am 6. Januar statt am 1. Jänner. Zu all dem kommt, dass Wagnerverbandsvorsitzende Monika Kulczinski und Opernintendant Albrecht Puhlmann den Mannheimer Axel Kober ehren, der, so sagt man sich am Ende dieses Abends, ruhig öfter in Mannheim in Erscheinung treten könnte.

Schon im Vorfeld hatte Mannheims Interims-GMD von 2006 und 2007 ja gesagt, er wolle kein normales Neujahrskonzert mit Walzern und Polkas, zumal es an diesem Abend von Nationaltheater und Wagnerverband um nichts Geringeres geht als das Jubiläum „150 Jahre Bayreuther Festspiele“. Der erste Aufzug der „Walküre“ wurde gegeben, und die sogenannte „Rosenkavalier“-Suite, die ja dann schon vor Humperdincks doch noch ein wenig Walzerseligkeit verströmt. Kann man machen.

Zumal so: Gleich im Vorspiel bringt Kober die Streicher des Nationaltheaterorchesters hochdynamisch zum Glühen. Drängende Tremoli. Packende Bassläufe. Es ist ein einziger, gepeitschter Atemzug, ein Sturm der Gefühle. Es reißt einen nicht langsam hinein, es packt einen am Kragen: Das NTO hetzt, drängt, stolpert vorwärts und findet doch immer wieder sofort neuen Antrieb. Kein idyllisches „Naturbild“, sondern eine existenzielle Flucht, die Flucht Siegmunds.

Wenn der dann – in Gestalt Jonathan Stoughtons – auftritt und sein „Wess‘ Herd dies auch sei, hier muss ich rasten“ singt, wird zwar schnell klar, dass sich hier ein gestandener Tenor mit genügend Kraft für die Partie einfindet. In den vielen Klassikern aber, von „Ein Schwert verhieß mir der Vater“ mit den arg kurz geratenen „Wälse“-Rufen über die „Winterstürme“ bis zu „Siegmund heiß‘ ich und Siegmund bin ich!“ bleibt Stoughton trotz dieser sängerischen Durchschlagskraft emotional etwas blass. Das Existenzielle der Konflikte mit Schwester, Braut und Siegfried-Mutter Sieglinde und dessen Mann Hunding werden psychologisch einfach kaum spürbar.

Zumal Astrid Kessler als Sieglinde das krasse Gegenteil davon ist. Nicht nur ihr warmer Ton ist voller Beseeltheit und Leidenschaft, sie versucht auch auf der Bühne vor dem Orchester stets Kontakt zu ihrem Lover aufzubauen, mit Gesten und Zugewandtheit, doch Stoughton dreht sich nur weg, wohl auch, weil er stark von Kobers Dirigat abhängt. Sung Has Hunding ist dagegen solide, ein paar Nuancen Diabolik würden seiner Figurenzeichnung aber guttun.

Spielt das alles eine Rolle an diesem Abend? Kober geht ja so gewandt, souverän und doch auch impulsiv und fordernd durch diesen ersten Aufzug, dass die „Walküre“ mehr als eine Geschichte erzählt. Kober baut mit dem NTO eine Welt daraus, eine Welt voller Sturm, Schwüle, Hochdruckgebiete aus Pathos und jähen Kälteeinbrüchen.

Damit nicht genug. Mit Strauss wird es noch bunter. Die Rosenkavalierwelt wird hier nicht als spätromantischer Seelenzustand mit harmlosem Parkett und Tanzboden verstanden, sondern als gesellschaftliches Uhrwerk, dessen Stimmungen – gerade in den harmonisch teils schrill erweiterten Passagen – ein schillerndes Gesellschaftsportät des frühen 20. Jahrhunderts zeichnen.

Kober führt das NTO mit großen Gesten und titanischen Gebärden immer wieder in überraschende Klangräume hinein, die gerade durch scharfe Wendungen oft äußerst effektvoll vor uns aufblitzen. Das Orchester wird unter seiner Leitung zu einer Klang ausschüttenden Maschinerie in Höchstform, das die komplexe und von den Registern her stark gespreizte Partitur mit krassen Flötentrillern und aggressiven Blechbläserattacken expressiv in den Raum stellt, wodurch dann eben – Stichwort Neujahrskonzert – das „Tempo di Valse“ umso surrealer erscheint.

Nebenbei bemerkt: Solche Abende zeigen, wie erfolgreich es für die Oper des Nationaltheaters sein könnte, mehr solche im Vergleich zu Opernproduktionen unaufwendige Abende zu spielen. Mit anderen Worten: Neujahr sollte man vielleicht öfter mal feiern.

 

Stefan M. Dettlinger (Mannheimer Morgen 07.01.2026)

 

 

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